Mutig, aber nicht konsequent

Achim B. C. Karpf am 8. August 2018
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Neue CEBIT Hannover: Mutig, aber nicht konsequentDie CEBIT hat einen Neuanfang gewagt, ist aber auf halber Strecke stehen geblieben. Das sagt auch etwas über die digitale Transformation in Deutschland aus.

Die CEBIT hat sich in ein Ideenforum verwandelt. Sie ist jetzt nicht mehr eine Computermesse, sondern eine Digital-Konferenz und ein Festival für Innovationen. Mit Drohnen-Präsentationen, Science Slams und hochkarätigen Rednern wie Internet-Vordenker Jaron Lanier. Pate stand das South by Southwest im texanischen Austin, wo sich die Größen des Silicon Valley treffen.

Ich gehe seit 1994 zur CEBIT und habe noch die guten, alten Zeiten erlebt, als mehr als 800.000 Besucher aufs Gelände strömten. Damals war die CEBIT vor allem eine Neuheiten-Show, auf der die Hersteller aktuelle Hardware präsentierten. Aber unser Verständnis von Digitalisierung hat sich verändert. Was bringt es einem Unternehmen, schicke neue Rechner zu installieren, wenn die Buchhaltung immer noch mit Excel-Dateien arbeitet? Was hat der Außendienst davon, neue Tablets geschenkt zu kriegen, wenn sie damit nicht auf Vertriebsplattformen in der Cloud zugreifen können? Unternehmen brauchen heute ganzheitliche, intelligente Lösungen, mit denen sie ihre komplexen Geschäftsprozesse automatisieren und vereinfachen können. Und die, die neugierig genug sind, fünf oder zehn Jahre in die Zukunft zu schauen, beschäftigen sich nicht mit neuen Smartphones, sondern mit dem Internet of Things, Virtual Reality oder künstlicher Intelligenz.

Bei einem Ideenfestival mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops lassen sich solche Themen besser vermitteln als mit einer Hardware-Messe. Deswegen war die Entscheidung für den Neustart richtig. Im Idealfall wird sich die CEBIT in den nächsten Jahren zur Inspirationsmaschine verwandeln, die die Möglichkeiten der digitalen Transformation erlebbar und erfahrbar macht – von der nischigen Zukunftstechnologie bis zur Anwendung für den Massenmarkt.

Sicher, es gab auch die Kritiker, die von einer „IT-Kirmes“ sprachen, die die Geschäfte der Fachbesucher störte. Die Skeptiker spielten damit vor allem auf das Riesenrad und das 60 Meter hohe Fahrgeschäft an, mit denen SAP und IBM auf sich aufmerksam machen wollten. Streetfood, DJs, Kickertische und Konzerte sollten der CEBIT ein hippes Flair verleihen und für Spaß sorgen. Mir hat das gefallen, aber das ist zugegebenermaßen Geschmackssache.

Was mich störte, war etwas anderes. Der Neuanfang wurde nicht konsequent umgesetzt. Matthias Kremp hat sich auf Spiegel Online über die „einfallslosen Spanplattenkonstruktionen“ in den Messehallen beklagt, in denen vom neuen Geist der CEBIT nur wenig zu spüren gewesen sei. Dem kann ich nur zustimmen, wenn ich auch Kremps Beobachtung nicht teile, dass es an den Ausstellern gelegen habe, zu denen wir ja auch gehört haben. Eher hat es die Messeleitung versäumt, auch in den Messehallen innovative Konzepte auszuprobieren und zum Beispiel Themen-Parcours wie auf der IFA in Berlin anzubieten.

In dieser Hinsicht ist die CEBIT auch ein Spiegel der Digitalisierung in Deutschland. Immer wieder ergeben Umfragen, dass Unternehmen der digitalen Transformation hohe Priorität einräumen. Wenn es aber darum geht, die digitale Neuausrichtung umzusetzen, verlässt viele Entscheider der Mut. Sie haben nicht verstanden, dass die Digitalisierung langfristig auch eine neue, digitale Firmenkultur nach sich ziehen muss, die von der Lust am Experiment, der Bereitschaft zu scheitern und der Begeisterung für neue Ideen geprägt ist.

Davon bitte nächstes Mal mehr.

 

Dieser Beitrag wurde ursprünglich als Gastbeitrag in dem Blog des i4.0 Portals am 01.08.2018 veröffentlicht. 

 

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Headerbild: AdobeStock © cfotostock



Topics: Digitalisierung, CEBIT

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